In dem Buch Playboy Helmut Newton schildert Gary Cole den Fotografen. Dort schreibt er: „Seltsam, aber typisch für die beiden, dass Alice ein Photo von sich und Helmut machte, als er nach seinem Unfall sterbend auf einem Tisch in der Notaufnahme lag; in der einen Hand hält sie seinen Kopf, in der anderen die Kamera. Helmut hatte Jahre zuvor einen schweren Herzinfarkt, den er beinahe nicht überlebt hätte. Er photographierte sich durch das ganze Schlamassel hindurch, als er mit Nadeln in den Armen an Monitore angeschlossen war.“

Er fotografierte sich durch den ganzen Schlamassel …

Mir geht es ja ähnlich. Als ich 2010 den Artikel über Fototherapie schrieb, ahnte ich noch nicht, wie wichtig dies alles für mich werden würde.

Hatte mir das Schicksal mit der Fotografie einen Stock gegeben, damit ich den Weg besser gehen konnte, der vor mir lag?

Zumindest hat es mir bis heute geholfen und wenn es nicht mehr ging, war der fotografische Neuanfang danach für mich immer wieder das Zeichen, daß es weiterging.

Ein Foto geht fast immer im Smartphone-Zeitalter, selbst wenn man kaum noch kann.

Wenn das Foto nicht mehr geht, ist die Schwelle erreicht und das Schicksal wird entscheiden, wenn die Entscheidung nicht in der eigenen Hand liegt.

Ich halte Fotografie deshalb für eine wertvolle Methode mit sich und der umgebenden Welt zu kommunizieren und zu reflektieren.

Aber es hilft auch, sich seinen Krankheiten zu stellen, damit irgendwie umzugehen und auch die Bereitschaft zu entwickeln, sich helfen zu lassen wenn es sinnvoll ist.

Aber das ist noch nicht alles.

Das Schlimmste ist ja, wenn man nicht mehr so kann wie vorher und seine Grenzen täglich vor Augen geführt bekommt. Man muß alles neu vermessen und definieren.

Damit dann zu leben ohne zu verzweifeln, dies anzunehmen und daraus das Beste zu machen ist ein Weg, den man täglich neu beginnt und manchmal an einem Tag auch damit scheitert …

Ich möchte hier nicht konkreter werden, weil der Rest kein öffentliches Thema ist, aber ich wollte hier zum Ausdruck bringen, daß Fotografie eine außerordentlich gute und einfache Möglichkeit bietet, sich selbst zu helfen.

Fotografie in diesem Sinne hilft enorm Realitäten zu sehen und Konfrontationen zu ertragen.

  • Wenn du dich im Spiegel kaum anschaust, dann mache Portraits von dir und nimm dich wahr. Du bist gut so wie du bist.
  • Wenn du Einschränkungen hast dann fotografiere diese und dich und sieh dir die Fotos an, damit du lernst dies zu sehen und damit zu arbeiten.
  • Wenn du deine Möglichkeiten erweitern willst, dann nutze kleine Themen in der Fotografie vom Makro über das Selfie oder den Spaziergang, um die Welt und dich darin zu sehen.
  • Wenn alles trist ist, dann fotografiere die Tristesse und du wirst erleben, wie sie auf dem Monitor in großen Bildern dir den Abstand dazu ermöglicht und dich über die Tristesse hinwegbringen kann.
  • Wenn dir dein Leben langweilig und banal vorkommt, dann fotografiere dein Leben und du wirst feststellen, du bist nicht allein. So kommst du an die Schwelle der Veränderungen im Alltag.
  • Wenn dich Schmerz und Trauer überwältigen fotografiere Blumen und du wirst die Freude sehen.
  • Wenn du fotografierst, dann schreibe auch darüber und manches setzt sich in ein neues Verhältnis im Kopf und im Leben
  • Wenn du Hilfe brauchst, dann suche sie und nimm sie an und fotografiere weiter …

Und überlege dir genau was du davon in die digitale Öffentlichkeit bringst, weil öffentlich meistens nicht hilfreich ist.

Tschüssi ..

Übrigens kann man dies auch wissenschaftlich ausdrücken:

„Fotos sind eher mit automatischen Prozessen wie geringer Abstraktion, psychologischer Proximität und primären Emotionen verbunden. Verbalisieren dagegen ist eher mit kontrollierten Prozessen wie hoher Abstraktion, hoher psychologischer Distanz und sekundären Emotionen verbunden (Amit, Wakslak, & Trope, 2013). Deswegen dürfte gerade die Kombination von Fotografieren und Verbalisieren tiefe individuelle psychologische Explorationsprozesse bewirken.“

 

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