Streetfotografie jetzt geschlechtsspezifische Gewalt?

flaneur21

Ich beteilige mich kaum an den Debatten über metoo und co, weil es das immer gab und immer geben wird. Die heilige Gesellschaft mit den heiligen Menschen, die ihre Sexualität ohne soziale Gewalt ausüben und auf gleicher Augenhöhe agieren, ist wohl ein Produkt des persönlichen Miteinanders und sonst illusionär. Aber wer es anders sieht, hat in der Weltgeschichte ebenso viele Freunde wie Feinde. Daher wird es uns noch ewig begleiten.

Deshalb finde ich den Artikel so bemerkenswert, der gerade auf petapixel.com wiedergegeben wurde: „… in den NY Daily News hat unter Straßenfotografen Empörung ausgelöst, nachdem der Autor die Fotografie als „Vehikel geschlechtsspezifischer Gewalt an öffentlichen Orten“ bezeichnet hat.“

Damit aber nicht genug.

In der letzten photonews hat Ulf-Erdmann Ziegler die Attacken auf Martin Parr geschildert: „Eine jetzt zwanzigjährige Ethnologiestudentin hatte von ihrem Vater zum 18. Geburtstag ein Fotobuch mit dem Titel „London“ geschenkt bekommen, Parrs Faksimile von Butturinis Buch. Sie entdeckte das fragliche Pendant und startete eine Kampagne gegen Parr, den sie für den „editor“ des Buches hielt, ein schwammiges Wort, das einen Herausgeber genauso meinen kann wie einen Gestalter oder Lektor. Um die verbale Übersetzung (moralische Verschlagwortung) zu leisten: Das Pendant sagt „Sie müsste sich eigentlich fühlen wie eingesperrt.“ Selbstverständlich meint die Doppelseite, in einem entschieden gesellschaftskritischen Buch, nicht: „Eine schwarze Frau ist wie ein Tier.“ Dass man so heute nicht mehr illustrieren würde, ist klar. Es gibt dieses U.K. nicht mehr, dieses London, die Klassengesellschaft, den Arbeitsplatz, die analoge Fotografie. „London“ ist ganz und gar ein Produkt seiner Zeit, aufgespießt von einem Italiener, der die berühmte Metropole für oberflächlich und aufgeblasen hielt. Das Faksimile des Originals in der Hand zu haben und dieses durchzublättern blieben der einzig mögliche Weg, Butturinis Arbeit und den Geist der Zeit zu begreifen.

Eine Entschuldigung Parrs, sein Rückzug vom Bristol Photo Festival, all das kann der Studentin – sie heißt Baptiste Halliday – nicht genügen. Sie lässt ihr geneigtes Twitter-Publikum wissen: „Er steht für eine Generation weißer Männer im mittleren Alter, die machen, was sie wollen, ohne jegliche Konsequenzen. Er ist Institution, und wir haben gerade erst angefangen, sie zu zerlegen.“ Hier trifft der puritanische, ikonoklastische Eifer auf eine stalinistisch gefärbte Politik der Denunziation, die ihr Ziel nicht verschweigt.“

Ziemlich gut getroffen. Es gibt noch mehr Fälle wie die Debatte bei Magnum gezeigt hat.

Bei photonews hat dies alles nun zu einer Online-Debatte geführt, die ich hier empfehlen möchte, weil sie die Problematik von Freiheit und Fotografie heute in demokratischen Staaten gut darstellt.

Es gehört zum Flanieren und Fotografieren, den Kopf nicht in den Sand zu stecken und auch mal darüber zu schreiben, wenn es relevant wird.

Immerhin lasse ich mich aus ideologischen Gründen als Mann nicht zu einem Gewaltverbrecher machen, weil ich Strassenfotografie im öffentlichen Raum betreibe. Es reicht einfach.

Ich bin mit Alice Schwarzer und ihren geistigen Kindern aufgewachsen. Wir hatten viele Debatten aber so abstrus war es nie. Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist in unserer Gesellschaft heute selbstverständlich. Aber es ist nicht überall so und es muß auch nicht so bleiben, wenn es keine wehrhafte Gesellschaft gibt, die dies alles weiter so haben möchte.

So, ich verlasse jetzt dieses verminte Gelände und kehre zurück zu meinen Herbstfotos.

 

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